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Für die Wahrheit keine Zeit
Gründlich recherchierte Informationen über die EU-Debatte um den Schutz des Bargelds erhalten Leser der »Zeit« nicht. Stattdessen stellt die Wochenzeitung die Bargeld-Bewegung um Hansjörg Stützle infrage. Eine Replik. Von Hakon von Holst, 02.02.2026.
Inhaltsübersicht
- Das Schweigen der Medien
- Gegeneinander statt Miteinander
- Hat die »Zeit« einen Interessenkonflikt?
- Unzutreffende Zuschreibung von Aussagen über den digitalen Euro
- Ein gegenstandsloser AfD-Vergleich
- Bundesbank-Zitate und vernachlässigte journalistische Sorgfaltspflicht
- Der War on Cash
- Ein Gespräch zwischen Menschen ist kein Skandal
- Ist Bargeld links oder rechts?
- 300.000 Unterschriften für den Schutz des Bargelds im Euroraum
Das Schweigen der Medien
Die Presse war bestens informiert. Und sie schwieg, während die Politik Entscheidungen fällte: Es ging um die Frage, ob wir auch morgen mit Banknoten und Münzen bezahlen können. Darum, ob schon Kinder mit einem Wisch über das Smartphone in die Schuldenfalle laufen. Und um unsere Unabhängigkeit von Finanzwirtschaft und digitalen Systemen. Denn immer mehr Unternehmen und Ämter lehnen Bargeld ab: Nahverkehrsbetriebe, Bäckereien, Cafés, Hotels und Kfz-Zulassungsstellen. Auch die Banken machen mit, schließen Filialen und Geldautomaten.
Die EU-Kommission stellte dem Trend einen zahnlosen Tiger in den Weg: eine EU-Verordnung im Stil einer EU-Richtlinie. Die Euroländer hätten verpflichtet werden sollen, die Verdrängung des Bargelds zu überwachen. Wenn nach ihrer eigenen Analyse kein hinreichender Zugang zu Bargeld mehr bestanden hätte, dann wären sie verpflichtet gewesen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Das Gleiche bei zu geringer Akzeptanz von Bargeld im Einzelhandel.
Der Verordnungsvorschlag von 2023 ist noch nicht Gesetz. Denn EU-Ministerrat und EU-Parlament müssen miteinander übereinkommen und ihm zustimmen. Weil sie den Entwurf der Kommission verändern dürfen, zieht sich das in die Länge. Und darin liegt die Chance, dass dem Tiger doch noch Zähne wachsen.
In drei Pressemitteilungen wandten wir uns direkt an Redakteure der »Zeit« und anderer großer Medien. Die Journalisten erhielten gut belegte Informationen über die Verdrängung des Bargelds. Jedes Mal informierten wir über die Debatte auf EU-Ebene um den Schutz des Bargelds: am 8. Januar 2025, am 28. Juli 2025 und zuletzt am 18. November 2025.
Wir informierten im Sommer über das Fortschreiten der Verhandlungen im EU-Ministerrat – lange bevor sich das Gremium im Dezember auf eine finale Position einigte. Wir informierten im Spätherbst, dass die Mitglieder des Währungsausschusses im EU-Parlament noch bis Anfang Dezember Verbesserungsanträge einreichen können. Doch die großen Medien rührten sich nicht. Wo die Bevölkerung über die Arbeit der Volksvertreter im Unwissen bleibt, kann sie nicht gezielt Einfluss nehmen. Die Folgen skizzierte mein Kollege Hansjörg Stützle in einem Artikel vom 12. Dezember 2025:
»Die Wirtschaft schickt ihre Lobbyisten nach Berlin und Brüssel, um ihre Wünsche an die Politiker heranzutragen. Je nach Konzern steht dafür ein zweistelliges Millionenbudget bereit. Die Bankenverbände zum Beispiel lobbyieren gegen den Versuch, das Geldautomaten- und Bankfilialnetz in Europa vor dem Verfall zu schützen. Doch wer trägt den Willen der einfachen Bevölkerung in die Politik?«
Gegeneinander statt Miteinander
Nur wenige positive Beispiele durchdrangen das Dunkel des Nichtwissens. So kam Hansjörg Stützle am 23. April 2025 in der ARD-Sendung Plusminus zu Wort. Er warnte davor, das Bargeld sich selbst zu überlassen, anstatt ein stabiles gesetzliches Fundament zu schaffen, und der Fernsehbeitrag schloss mit der Erkenntnis, dass die EU-Kommission das Bargeld gegenüber dem geplanten digitalen Euro benachteiligt.
Die Reportage der »Zeit« vom 7. Januar 2026 zählt nicht zu den leuchtenden Beispielen. Sie enthält verfälschte oder aus dem Zusammenhang gerissene Zitate und beweisbar falsche Informationen. Sie macht aus Bargeldbefürwortern Digital-Euro-Gegner und rückt sie in die Nähe von »Rechtspopulisten«. Sie lässt Menschen, die offen mit Politikern ins Gespräch gehen, wie deren Feinde aussehen. Und sie schweigt über einen möglichen Interessenkonflikt des Zeitungsverlags.
Vom ersten persönlichen Kontakt mit Hansjörg Stützle am 28. Juli 2025 bis zur Veröffentlichung vergingen mehr als fünf Monate. Das war eine Menge Zeit, in der sich die »Zeit« in die Pläne und Ideen von EU-Kommission, Finanzministern und EU-Parlamentariern hätte einarbeiten können. Man hätte die Möglichkeit gehabt, ihre Konsequenzen zu analysieren und herauszuarbeiten, wessen Einfluss sich in den laxen Vorschlägen widerspiegelt.
Stattdessen arbeitet sich die »Zeit« an Menschen ab, die sich für das Bargeld einsetzen. Im Mittelpunkt der Reportage steht Hansjörg Stützle – er wird 25 Mal namentlich erwähnt. Der Artikel beginnt reißerisch: »Ihre Gegner: der digitale Euro, PayPal, Visa, Münzen-Hasser. Bargeldverfechter finden, am 50-Euro-Schein hänge unsere Freiheit. Und finden Zuspruch. Besonders von rechts.«
Mit dieser Einleitung sind die Fronten abgesteckt. Politiker und Bürger, Digital-Euro-Befürworter und all jene, die keinen schweren Geldbeutel mögen, sollen wissen, wer ihr Feind ist – nämlich derjenige, der sich für das Bargeld einsetzt. Für Hansjörg Stützle ist das neu. »Wir moralisieren nicht, wir treten auf fachlicher Grundlage an die Politik heran«, sagt der 55-Jährige zu mir und zitiert aus seinem jüngsten Brief an die Mitglieder des Währungsausschusses des EU-Parlaments vom 6. November 2025:
»Die wichtigste Währung, über die unsere Gesellschaft verfügt, ist Vertrauen. Wenn das Projekt ›Digitaler Euro‹ gelingen soll, muss dieses Vertrauen gezielt aufgebaut und dauerhaft gesichert werden. Der Vertrauensaufbau gelingt nur, wenn das Fundament glaubwürdig ist. Das bedeutet: Das bislang einzige etablierte, bewährte und krisenfeste Zahlungsmittel – das Bargeld – muss durch klare, unmissverständliche gesetzliche Regeln geschützt werden.«
Im zweiten Absatz der Reportage erklärt die »Zeit« neben PayPal und Visa auch »Nahverkehrsbetriebe und Stadtverwaltungen« zu Stützles Gegnern, weil sie das Bargeld abschaffen. »Ihr Ziel«, schreibt die »Zeit«: »Profite machen, einen gläsernen Bürger schaffen.« Dass Kreditkartenkonzerne und Zahlungsdienstleister nach Profit streben und mit Daten handeln, ist Stützle bekannt, doch dass seiner Auffassung nach kommunale Bürgerämter und Verkehrsbetriebe mit dem gleichen Motiv arbeiten, davon hat Stützle das erste Mal in der »Zeit« gelesen.
Hat die »Zeit« einen Interessenkonflikt?
Mit vielen Suggestionen kratzt die Reportage am Bild eines Menschen, der sich auf Basis rationaler Erwägungen entschlossen hat, für das Bargeld einzutreten. Eines der wenigen klar formulierten Argumente gegen Stützle ist der Wunsch des Verbrauchers. Über einen seiner Medienauftritte urteilt die Zeitung: »Was Konsumenten wollen, kommt in dieser Erzählung gar nicht vor.« Denn eine Mehrheit von 38 Prozent der Befragten zahle am liebsten mit der Karte und 87 Prozent würden sich neben Bargeld mindestens eine digitale Zahlungsmöglichkeit wünschen.
Den Rückhalt für Banknoten und Münzen in der Bevölkerung lässt die »Zeit« weg. Wie der europäische Verbraucherschutzverband BEUC 2025 ermittelte, befürworten 87 Prozent der Menschen in Deutschland und Österreich die universelle Akzeptanz von Bargeld. Die Umfrage wurde in zehn Euroländern durchgeführt. 85 Prozent der 14- bis 17-Jährigen wollen, dass Bargeld auch morgen angenommen wird.
Stützle zufolge erklärt sich der Trend zum digitalen Bezahlen nur teilweise aus der Bequemlichkeit. »Größtenteils geschieht das interessengeleitet«, sagt er der »Zeit« und verweist auf die Macht der Werbung. Die »Zeit« fühlt sich von diesem Standpunkt an die »Kritiker der Coronamaßnahmen« erinnert, »die andere als Schlafschafe bezeichneten«, und öffnet damit die nächste Schublade.
Die Reaktion verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass die »Zeit« offenbar an einer Entwicklung mitverdient hat, die sie ihren Lesern als das Natürlichste der Welt präsentiert: »Der Anteil der Bargeldzahlungen hat in den vergangenen Jahren rapide abgenommen. Gerade jüngere Menschen zücken eher das Handy …«
Die deutschen Banken, genauer gesagt deren Eigenmarke Girocard, waren in der Coronazeit Anzeigenkunde der »Zeit«. In den Jahren 2020–2022 präsentierte die Zeitung unter dem Hyperlink www.zeit.de/angebote/mit-karte-bitte/index ein Angebot der Girocard in redaktioneller Aufmachung. Dort fanden sich mehrere Artikel über eines der profitablen Geschäftsfelder deutscher Kreditinstitute, immer unter der Überschrift: »Mit Karte, bitte – kontaktlos.«
In einem der Textbeiträge erzählte ein Hygieneexperte, warum es besser sei, »Barzahlung zu vermeiden«. Das war der Kern der damaligen Banken-Kampagne. Die Girocard stattete Händler mit Plakaten aus, um die Kartenzahlung zu bewerben. Dass namhafte Kompetenzen wie die Deutsche Bundesbank von Anfang an erklärten, dass bei Bargeld kein besonderes Infektionsrisiko besteht, wurde in den Wind gestrichen.
In den letzten Jahren veröffentlichte die »Zeit« immer wieder Texte, in denen die Erfolge der Girocard bejubelt wurden, einige der Beiträge kamen direkt von der Deutschen Presseagentur. Ist es angemessen, sich zum Sprachrohr der Finanzwirtschaft machen?
- 24.08.2023: Bargeldloses Bezahlen per Girocard hat weiter zugenommen
- 13.02.2024: Erneut Zuwächse für bargeldloses Bezahlen mit der Girocard
- 13.02.2024: Verbraucher bezahlen immer häufiger mit Girocard
- 30.05.2025: Weniger Betrugsschäden mit der Girocard
Liest man die »Zeit-Reportage«, gewinnt man den Eindruck, die Finanzwirtschaft produziere nur ein Angebot für die Nachfrage nach Bequemlichkeit beim Bezahlen. Doch ist der Mensch wirklich zu faul, auf dem Weg zum Geldautomat ein paar Kalorien mehr zu verbrennen? Die Infrastruktur für digitale Zahlungen ist immens teuer. Die Sicherheit der Systeme muss ständig verbessert werden, die Last geldwäscherechtlicher Auflagen steigt.
Für die Banken lohnt es sich dennoch, weil Kartenzahlungen dazu beitragen, dass die Kunden ihr Geld auf den Konten belassen, anstatt es abzuheben. Zudem verlangen die Kreditinstitute und Zahlungsdienstleister Gebühren. In der Regel bezahlt der Händler, nicht der Verbraucher. Und dann gäbe es noch das Geschäft mit den Daten. Wenn man weiß, für welche Produkte sich ein Mensch interessiert, können Konzerne passgenau Werbung schalten.
Als Kartenzahler schwimmt man heute mit dem Strom. Das macht die Sache bequem. Bis eine kritische Masse von Menschen auf digitale Zahlungsmittel umgestiegen war, musste die Finanzwirtschaft einige Anstrengung aufbringen. In der Gesellschaft wurden Vorstellungen verbreitet. Sehen Sie das Bild vor sich? »In Bargeld liegt die Zukunft, Geldkarten sind dreckig und rückständig«? Pardon, die umgekehrte Vorstellung wurde in der Gesellschaft verankert.
Als einer der eifrigsten Akteure auf diesem Feld erwies sich Mastercard. Dem Konzern gelang es, eine Geschichte über Bakterien auf Banknoten um den ganzen Globus zu verbreiten. Auf meine Recherche zum Thema hatte Hansjörg Stützle die »Zeit« aufmerksam gemacht, in einer E-Mail am 9. Dezember 2025.
Viele Kampagnen wenden sich gegen Bargeld. Und nicht alle Akteure geben sich zu erkennen. So tauchten in verschiedenen Ländern wissenschaftliche Studien auf, die sich Mikroben auf Bargeld widmen. Die Befunde waren gering, dennoch endeten die Studien mit einem Aufruf an die Behörden, Barzahlungen zurückzudrängen. Ein Hinweis auf die Geldgeber fehlte in den Publikationen.
Es liegt mit in der Macht der Werbung begründet, wenn man das Gefühl entwickelt, das eigene Geld wäre bei anonymen Onlinebanken so gut aufgehoben, dass man mit Karte ausgestattet ohne Bargeld sorgenlos durch die Welt geht. Genauso gut könnte man sich unter einer solchen Bank einen Akteur vorstellen, dem es in erster Linie um den eigenen Profit geht. Geworben aber wird mit dem leichten Geldbeutel, nicht mit dem überzogenen Konto.
Die Reaktion der »Zeit« ist aber auch aus einem anderen Grund verständlich. Denn letzten Endes geht es hier um unbequeme Fragen wie: Dient das Wirtschaftssystem dem Menschen oder dient der Mensch vor allem dem System? Wie viel von dem, was ein Mensch tut, schöpft er aus der eigenen Seele und wie viele Dinge wurden zu Prioritäten im Leben, nur weil sie in Medien aller Art gepriesen wurden oder weil eine andere Autorität von ihrer vermeintlichen Bedeutung vereinnahmt war? Hat der Mensch überhaupt Zeit, darüber zu reflektieren?
Unzutreffende Zuschreibung von Aussagen über den digitalen Euro
Auch bei mir erkundigte sich die »Zeit«, ob ich für ein Gespräch zu haben wäre. Die Vermengung der Themen Bargelderhalt und »Digitaler Euro« war bereits offenkundig und so antwortete ich am 21. August 2025:
»Digitaler Euro und Bargelderhalt sind ganz verschiedene Themen. Der Bargelderhalt ist nicht deshalb aktuell, weil der Staat einen digitalen Euro plant, sondern weil die Banken ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht nachkommen und die notwendige Infrastruktur aus Bankfilialen und Geldautomaten abbauen. (…). Die Verordnung zum digitalen Euro zeigt lediglich, dass der konsequente Schutz des Bargelds als Zahlungsmittel möglich wäre, wenn es politisch gewünscht ist.«
Ich erwähnte sogar, dass der digitale Euro das Zahlungssystem im Distanzgeschäft sinnvoll ergänzen kann: »Zum Beispiel dass man im Buchungsportal der Deutschen Bahn oder im Onlineshop der Deutschen Post nicht mehr länger gezwungen wäre, mit Kreditkarte oder PayPal zu bezahlen.«

Bei der Deutschen Post haben es Neukunden schwer, ein europäisches Zahlungsmittel zu nutzen.
In unserer Petition für den Schutz des Bargelds sprechen wir uns nicht gegen den digitalen Euro aus, sondern für den »gleichen Schutz« des Bargelds wie für den digitalen Euro. Denn die zwei Verordnungsvorschläge offenbaren eine Privilegierung der geplanten elektronischen Währung gegenüber der physischen. Auch in meinem Buch »Krieg gegen das Bargeld« steht kein Wort davon, dass der digitale Euro gestoppt werden müsse. Das Schlusskapitel mit den politischen Forderungen bezieht sich allein auf das Bargeld.
Hansjörg Stützle wie auch mir ist der digitale Euro gleichgültig, wenn das Bargeld konsequent geschützt wird. In der »Zeit« erfährt der Leser jedoch etwas anderes über das Währungsprojekt:
»Während Befürworterinnen darin eine notwendige Ergänzung zum Bargeld sehen, fürchten Kritiker, dass mit der neuen Digitalwährung das Ende von Münzen und Scheinen besiegelt ist. Und damit ein wichtiger Teil der freiheitlichen demokratischen Grundordnung: ›Eine freie Gesellschaft braucht zwingend ein nicht überwachbares Zahlungsmittel‹, sagt Stützle.«
Mitnichten bezieht sich Stützle mit diesem von ihm oft wiederholten Argument auf den digitalen Euro. Die Vermischung beider Themen findet sich noch an anderer Stelle in der Reportage: »›Die Bargeldverdrängung ist massiv‹, sagt Stützle. ›Wir müssen das Bargeld retten.‹ Große Sorgen bereitet ihm der sogenannte digitale Euro.«
Noch vor dem Interview mit der »Zeit« in Friedrichshafen stellte Stützle am 18. September 2025 in einer E-Mail klar:
1) Wir von der Bargeld-Petition www.bargelderhalt.eu beziehen zum E-Euro keine offizielle Position, denn uns geht es insbesondere um den Erhalt des Bargeldes.
2) Der E-Euro tangiert jedoch das Bargeld. Wir setzen uns für den gleich starken Schutz des Bargeldes ein, so wie es für den E-Euro vorgesehen ist, sodass das Bargeld eine zukunftsfähige Basis erhält.
3) Zudem eröffnet der E-Euro eine Chance, denn er hat eine Definition der Rolle von Bargeld als gesetzliches Zahlungsmittel in einer eigenen Verordnung erforderlich gemacht. Und dieser Verordnungsvorschlag kann nun verbessert werden und es kann eine einheitliche und gute europaweite Verankerung des Bargeldes gelingen.
Und dennoch entstand eine Reportage, in der mit aller Gewalt zwei Themen zu einem verschmolzen wurden. Dabei ging die »Zeit« so weit, Stützle ein offenkundig verfälschtes Zitat unterzuschieben:
»Mit der Einführung öffentlicher Digitalwährungen wie dem digitalen Euro würden Strukturen geschaffen, die bei einem Regimewechsel zur ›totalen Kontrolle‹ genutzt werden könnten, sagt Stützle in dem Interview mit Roland Tichy.«
Das ist falsch. Jeder kann das Interview im Internet ansehen und sich selbst davon überzeugen: Die Verknüpfung zu der »Einführung öffentlicher Digitalwährungen wie dem digitalen Euro« hat die »Zeit« der Aussage hinzugedichtet. Es wäre naheliegender gewesen, Stützles Worte auf die stetig sinkenden Bargeldobergrenzen zu beziehen oder auf die Entfernung des Bargelds aus dem Zahlungsverkehr. Auch eine Verchippung von Geldscheinen hätte gemeint sein können – oder die systematische Erfassung der Banknoten-Seriennummern, ein Szenario, vor dem der Linken-Politiker Luke Hoß warnt mit Blick auf eine mögliche »Machtübernahme autoritärer Parteien«.
Ein weiteres irreführendes Zitat betrifft ebenso den digitalen Euro. So erbat die »Zeit« von Stützle am 17. Dezember 2025 eine Stellungnahme zu einer Aussage von Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz. Dieser hatte die Verhandlungen im EU-Ministerrat und im EU-Parlament angesprochen und danach angefügt: »Das Gesetzespaket sieht für Bargeld und für den digitalen Euro eine Annahmepflicht mit nur ganz wenigen Ausnahmen vor.«
In der Stellungnahme, die Sie selbst lesen können, ging Stützle dann ausführlich auf die vom Ministerrat vorgesehenen Ausnahmen ein und kritisierte an einer Stelle die fortgesetzte Ungleichbehandlung zwischen Bargeld und digitalem Euro:
»Die Verordnung sieht zudem keinen kostenlosen Zugang zu Bargeld vor – anders als im Falle des digitalen Euros, den jede Bank jedem Kunden jederzeit anbieten müsste, und das unabhängig von der Nachfrage.«
Am Ende erfahren Leser der »Zeit« jedoch nicht, was Stützle am Vorschlag des EU-Ministerrats zu bemängeln hat. Stattdessen wirkt es so, als hätte er dem Währungsprojekt einen neuen Schlachtruf entgegengesetzt:
»Die Ausnahmen könnten jedoch zur Regel werden, befürchten Bargeldschützer wie Hansjörg Stützle vom Bodensee. Am digitalen Euro hänge damit auch die Zukunft des Bargeldes – und der Freiheit. Ein Narrativ, das sie vehement befeuern.«
Es bleibt unklar, wann und ob sich Stützle so zum digitalen Euro äußerte und aus welchem Kontext die »Zeit« die Worte ausschnitt. Unser Punkt ist lediglich die Ungleichbehandlung zwischen den staatlichen Zahlungsmitteln Bargeld und digitaler Euro, denn wie der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Christian Rieck warnt: »Ein gesetzliches Zahlungsmittel, das privilegiert wird, verdrängt das andere durch ökonomische Incentives, nicht durch demokratische Entscheidung.«
Anleitung zum Umgang mit Zitaten
Allen, die uns in Zukunft zitieren wollen, sei gesagt: Auch ein indirekt wiedergegebenes Zitat unterstellt eine wörtliche Äußerung. Das zugrunde liegende Zitate darf nicht verfälscht werden. Es ist unzulässig, eine eigene Interpretation in die Aussage der zitierten Person einzubauen. Die unzutreffende Zuschreibung einer Aussage gilt als Zitatverfälschung oder Zitatfälschung. Bei Wiedergabe einer Aussage in der indirekten Rede ist lediglich sinnwahrende Kürzung, Umstrukturierung und in sehr engen Grenzen die Verwendung von Synonymen erlaubt.
Aus »Eine freie Gesellschaft braucht zwingend ein nicht überwachbares Zahlungsmittel« wird also bei indirekter Redewiedergabe, wenn man kürzt: »Eine freie Gesellschaft brauche ein nicht überwachbares Zahlungsmittel, sagt der Bargeldverfechter.« In keinem Fall darf eine Interpretation hinzugefügt werden: »Eine freie Gesellschaft brauche ein nicht überwachbares Zahlungsmittel wie Silber, Gold oder digitale Euros, findet der Bargeldverfechter.«
Ein gegenstandsloser AfD-Vergleich
Die »Zeit« unterstellt Hansjörg Stützle Populismus, Zitat: »Am digitalen Euro hänge damit auch die Zukunft des Bargeldes – und der Freiheit. Ein Narrativ, das sie vehement befeuern. Bis hin zum Populismus.« Den Begriff definiert die Bundeszentrale für politische Bildung wie folgt:
»Populismus kann als eine besondere politische Logik definiert werden. Im Zentrum steht die Idee, dass die Macht dem Volke gehört und dass die Politik Ausdruck des Volkswillens sein soll. Populismus idealisiert das Volk und baut Feindschaft zur Elite auf.«
Stützle schilderte der »Zeit« bereits am 2. Oktober 2025 seine Sicht darauf. Der Standpunkt fand in der Reportage keinen Platz:
»Die Vorschläge der EU-Kommission benachteiligen das Bargeld in seiner Akzeptanz und Verfügbarkeit gegenüber dem E-Euro in mehrfacher Hinsicht. (…). Schon für den normalen Bürger ist erkennbar, dass Bargeld auf dieser Basis keine langfristige Überlebenschance hat. (…). Ich erachte es als Ihre Aufgabe, als ›Vierte Gewalt‹ in unserem System, diesen Missstand öffentlich zu thematisieren. Gerade solche politischen Fehlentscheidungen spielen Populisten und fragwürdigen Bewegungen in die Hände.«
Die »Zeit« schreibt in der Reportage stattdessen, Stützle zeichne eine Drohkulisse und zitiert ihn mit Worten aus dem Interview mit Roland Tichy: »Es ist ein ganz starker Krieg gegen jedes freie, nicht kontrollfähige Zahlungssystem im Gange.« Die Begründung erfährt der Leser nicht. Es geht darum, dass anonymes Bezahlen immer weiter beschränkt wird, und zwar weltweit. Das gilt für die sinkenden Obergrenzen beim Goldkauf genauso wie bei Bargeldzahlungen. Die Politik drängt anonyme elektronische Guthabenkarten zurück und reguliert Kryptowährungen. Immer öfter fragen die Behörden Girokontodaten ab.
Soll man also naiv sein oder warnen? Ich lasse an dieser Stelle gerne die letzten 2000 Jahre an meinem geistigen Auge vorbeiziehen: Wann gab es einen Rechtsstaat, der seinen Bürgern alle grundlegenden Menschenrechte zustand? Wenn Ihnen der Zeitraum auch zu kurz erscheint, dann schlage ich vor: Wachsamkeit hat Vorrang.
Bliebe also der inliegende Vorwurf, mit der Warnung eine Feindschaft aufzubauen. Der Eindruck kann entstehen, weil die »Zeit« eben jenes weglässt, was der Vorstellung widerspricht. Auf die Beteuerung der Politik angesprochen, dass das Bargeld erhalten bleiben soll, antwortete Stützle in dem Interview bereits an früherer Stelle: »Ich denke auch, dass das so gemeint ist.« Diese Aussage spricht eher für einen Vertrauensvorschuss als für Zwietracht.
In dem Zusammenhang kommt die »Zeit« dann auch auf mich zu sprechen, gestatten: Hakon von Holst, einer der »engsten Mitstreiter« von Hansjörg Stützle. In meinem Buch würde ich ebenfalls »ein düsteres Szenario« skizzieren, heißt es in der »Zeit«, nämlich »von Staaten, die unliebsamen Bürgern den Zugang zu ihrem Ersparten verwehren, von Geheimdiensten und Konzernen, die bei jedem Einkauf mitlesen könnten: ›Wenn wir uns der digitalen Welt anvertrauen, wird sie die Macht über uns ergreifen.‹«
Mit dem anschließenden Satz erreicht die Reportage einen Höhepunkt: »Auch die AfD nutzt dieses Narrativ (…).« Darauf folgt ein Zitat zum digitalen Euro aus einem Beitrag auf der Facebook-Seite der AfD von März 2025: »Totalüberwachung ist die Folge – geplant von langer Hand.« Bei demjenigen, der die Totalüberwachung plane, handelt es sich nach Vorstellung der AfD offenbar um die Europäische Union, denn in dem Beitrag auf Facebook heißt es zwei Sätze zuvor: »Die Kontrollpläne der EU schreiten im erschreckenden Tempo voran.«
Damit wird klar, dass das Zitat aus meinem Buch nicht zu dem der AfD passt. Es handelt sich mitnichten um dasselbe Narrativ oder dieselbe Erzählweise. In den Kontext des Buches eingebettet liest sich die Aussage so:
»Der Profitgeier aber ist begeistert, die Welt in ein elektronisches System einzuhegen. Vollautomatisch Geld verdienen an jedem Menschen, selbst am abgelegensten Flecken der Erde, das ist sein Ziel. Wenn wir uns der digitalen Welt anvertrauen, wird sie die Macht über uns ergreifen.«
Ich skizziere an dieser Stelle einen Selbstläufer, angetrieben vom Profitstreben der Wirtschaft. Der Facebook-Beitrag dagegen unterstellt Beamten oder Politikern der Europäischen Union schlechte Absichten. Zudem bezieht er sich auf den digitalen Euro, ein staatliches Zahlungsmittel. Dem Entwurf der EU-Kommission nach wären die Banken zwar berechtigt, bei Abwicklung von Zahlungen in digitalen Euros Gebühren von Händlern zu erheben. Diese jedoch wären laut Verordnung begrenzt. Dem Wucher sind also erst einmal Steine in den Weg gelegt.
Die Aussage über den Profitgeier ist begründet. In meinem Buch beschreibe ich, dass Indien von interessierter Seite als 500-Milliarden-Dollar-Goldtopf bezeichnet wurde. An einem Land mit 1,5 Milliarden Menschen kann man viel Geld verdienen. Im Buch gehe ich detailliert darauf ein, wie die Finanzwirtschaft Indien erobert.
Das Ganze lässt sich durch weitere Beispiele unterstreichen: Wie bekannt sein dürfte, setzen die sozialen Medien auf verschiedene Reize, um den Menschen dazu zu bringen, möglichst viel Zeit in den Netzwerken zu verbringen. Sie lassen ihn speziell für ihn ausgewählte Informationen konsumieren und präsentieren ihm unablässig Werbung für Produkte, die im Fernabsatz verkauft und natürlich digital bezahlt werden.
Wer die digitale Welt fastet und in die Natur geht, kommt zurück zu sich selbst und auf eigene Gedanken. Wer sich in den elektronischen Medien überflutet mit fremden Gedanken, bewegt sich in einer fremden Gedankenwelt und beginnt innerlich eine Unterhaltung mit diesen Informationen. Leider hat er keine Zeit, die Unterhaltung zu Ende zu denken und die empfangenen Informationen kraft seiner Vernunft zu prüfen. Und so findet still und unbemerkt eine Anpassung an die fremde Gedankenwelt statt, die zur eigenen Heimat wird, getrieben von zunehmender Abhängigkeit, weil der ausufernde Aufenthalt in den sozialen Netzwerken echte soziale Kontakte verdrängt. Es ist also nichts Mystisches daran, zu schreiben, dass die digitale Welt die Macht über uns ergreifen kann.
In meinem Buch kommt die AfD genau null Mal vor. Wir sind parteipolitisch neutral. Hansjörg Stützle teilte der »Zeit« bereits am 25. September 2025 mit, dass wir im Rahmen unserer Petition bewusst nicht mit aktiven Politikern als prominente Unterzeichner werben, und fügte an: »Unser Ziel war, dem Thema größtmögliche Sachlichkeit zu geben und parteipolitische Vereinnahmung zu vermeiden.«
Anlässlich der Bundestagswahl 2025 erarbeitete ich einen Parteienvergleich und fragte dafür bei allen antretenden Gruppierungen an. Das Ergebnis fasste ich neutral zusammen. Es zeigte sich, dass der Schutz des Bargelds ein Anliegen unterschiedlichster politischer Bewegungen ist – das gilt im Übrigen auch für Österreich.
Bundesbank-Zitate und vernachlässigte journalistische Sorgfaltspflicht
Im Pressekodex des Deutschen Presserats steht in Artikel 2:
»Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort (…) sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung (…) weder entstellt noch verfälscht werden.«
An diesen Grundsatz hält sich die »Zeit« auch dort nicht, wo sie Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz zu Wort kommen lässt. Es beginnt mit der Verwechslung von EU-Kommission und EU-Ministerrat. Laut »Zeit« sagte Balz, »die EU-Kommission habe nachgelegt«. Gemeint ist aber, dass der EU-Ministerrat im Dezember eine überarbeitete Fassung der Bargeld-Verordnung vorlegte.
Die Kommission führt die Geschäfte der Europäischen Union und sie entwirft Gesetzesvorschläge. Für ihre finale Ausgestaltung und die Verabschiedung ist jedoch das EU-Parlament zuständig sowie der EU-Ministerrat, also die Vertreter der EU-Regierungen. Die Kommission und die Europäische Zentralbank sitzen bei den Verhandlungen im Ministerrat zwar mit am Tisch, können jedoch keine Beschlüsse fällen.
Ferner soll Balz gesagt haben: »Abschaffen wolle das Bargeld niemand, die Bundesbank baue ihr Verteilnetz in Deutschland sogar aus.« Die Sätze stehen in indirekter Rede, sodass – jedenfalls im Falle der »Zeit« – unklar bleibt, wie sich Balz tatsächlich äußerte. Beide Sätze suggerieren etwas Falsches.
Es gibt tatsächlich Spitzenpolitiker, die eine starke Präferenz für die weitgehende Abschaffung von Bargeld als Zahlungsmittel zum Ausdruck gebracht haben. In unserer Videobotschaft an das EU-Parlament zeigen wir ab Minute 1:40 drei Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Die Rede ist von Frankreichs Justizminister Gérald Darmanin und im Falle Italiens von Ex-Ministerpräsident Matteo Renzi sowie dem früheren Digitalisierungsminister Vittorio Colao. Die »Zeit« hätte es wissen müssen, weil Stützle in der E-Mail-Korrespondenz drei Mal auf das Video hinwies – am 12. November 2025, am 22. November 2025 und am 8. Dezember 2025.
Und wie steht es mit der Behauptung, die Bundesbank baue ihr Verteilnetz aus? Dr. Norbert Häring ist langjähriger Redakteur des Handelsblattes. Privat betreibt er die Internetseite »Geld und mehr«. Am 14. Januar 2026 veröffentlichte er dort eine Kritik an der »Zeit-Reportage«. Häring schreibt:
»Die Bundesbank hat kontinuierlich Filialen abgebaut und privatisiert damit die Bargeldversorgung, was die Kosten erhöht für Banken und Handel, die den Geldtransport bezahlen müssen. Für Händler wird es damit auch schwieriger, selber Münzgeld bei der Bundesbank einzuzahlen anstatt bei Privatbanken, bei denen das immer teurer wird. Die Zahl der Bankfilialen geht aus den jährlichen Geschäftsberichten der Bundesbank hervor. Im April 2000 waren es noch 135. Heute sind es 31. Und bis 2039 sollen es nur noch 23 sein.«

Die Entwicklung des Bundesbank-Filialnetzes seit dem Jahr 2000.
Auch in diesem Fall gilt: Die »Zeit« hätte es wissen müssen. Denn sie kannte unseren Parteienvergleich zur Bundestagswahl und ließ sich von Stützle sogar ein Zitat zu dieser Recherche autorisieren. In dem Parteienvergleich thematisierte ich den Rückbau des Bundesbank-Filialnetzes bereits im dritten Absatz.
Die Bundesbank lässt nicht in die Karten blicken, wie Burkhard Balz seine Stellungnahme gegenüber der »Zeit« formulierte. Auf Anfrage verweisen die Notenbanker auf eine Presseerklärung aus dem Sommer 2024, in der die Schließung von acht Standorten bekannt gegeben wurde. Wurde Balz also verzerrt zitiert? Antwort: »Wie aus der Pressenotiz hervorgeht, wird die Bundesbank in den kommenden Jahren in ihr Filialnetz investieren. Das war mit der Aussage gemeint.«
Die Bundesbank will also in die 23 Standorte investieren, die erhalten bleiben. Doch der Handelsverband Deutschland (HDE) befürchtet steigende Kosten. Das Handelsblatt berichtete im Herbst 2024:
»Schon jetzt klagten Wertdienstleister über zu kurze Öffnungszeiten, sagt HDE-Experte Binnebößel. Wenn nun auch noch weitere Fahrtwege hinzukämen, müsse die Bundesbank anderweitig nachbessern. Durch den Wegfall von Bundesbankfilialen seien bereits Lücken entstanden, wodurch Wertdienstleister längere Touren fahren müssten. Es gebe immer weniger Wettbewerb unter Geldtransporteuren. Die Kosten stiegen. Ohne Alternativen könne eines Tages das ganze System kippen.«
Der War on Cash
»Mit dieser Argumentation ist Stützle nicht allein«, heißt es in der »Zeit«, kurz nach dem verfälschten Zitat aus dem Interview mit Roland Tichy. Wie ich oben ausgeführt hatte, war Stützle unterstellt worden, vor dem digitalen Euro zu warnen – als Struktur, die nach einem Regimewechsel der totalen Kontrolle dienen könnte. Und damit kam die »Zeit« auf mich und mein Buch zu sprechen, Titel: »Krieg gegen das Bargeld«. Umrahmt wurde der Absatz über meine Arbeit dann mit dem Facebook-Beitrag der AfD. So verstärkt sich der Eindruck, dass der Staat als Herausgeber der digitalen Währung der Hauptakteur in dem Krieg wäre.
Woher der Begriff »Krieg gegen das Bargeld« stammt, hatten wir der »Zeit« am 2. Oktober 2025 erläutert. Es handelt sich um die Übersetzung eines etablierten Begriffs: »War on Cash«. Und dieser War on Cash, der Krieg gegen das Bargeld, bezeichnete stets das Handeln der Finanzwirtschaft. Denn schließlich war es ein Kreditkartenunternehmen, das diesen Krieg ausrief und vom »War on Cash« sprach. Auch in meinem Buch wurde das alles behandelt.
Den Hintergrund erfahren die Leser aber nicht. Und somit wird aus einem Kampf der Privatwirtschaft, der die Politik beeinflusst, ein Kampf, in dem der Staat führt. Denn die Reportage fokussiert auf den digitalen Euro und schon der erste Satz lautet: »Hört man Hansjörg Stützle aus Uhldingen-Mühlhofen am Bodensee zu, klingt es, als befinde er sich im Krieg.«
Wie die »Zeit« von uns erfahren hatte, veranstaltete die Deutsche Bundesbank 2017 selbst einen Kongress mit dem Titel »War on Cash: Is there a Future for Cash?«. Auf der Tagung sprachen Prof. Malte Krüger und Prof. Frank Seitz über die Ursprünge des Krieges. Auch der Zentralbereichsleiter Bargeld der Deutschen Bundesbank, Stefan Hardt, wusste vom War on Cash zu berichten, und zwar schon ein Jahr zuvor am 3. Mai 2016 bei einer Anhörung im Landtag von Nordrhein-Westfalen (Aktenzeichen APr 16/1275):
»Da gibt es das Stichwort: Krieg dem Bargeld, War on Cash. Und da sind die alten Verdächtigen anzutreffen, die selbst alternative Zahlungsinstrumente zum Bargeld anbieten. Das sind auch diejenigen, die dann glaubhaft unter Beweis stellen, dass das Ganze – ich glaube, einer der Herren hatte in seiner Stellungnahme das Thema Abba-Museum angesprochen, wo man nur noch unbar bezahlen kann. Dazu muss man wissen, dass das ganze Museum von einem großen Anbieter einer Kreditkarte gesponsert worden ist. Es gibt durchaus einen War on Cash, aber nicht im politischen Raum, um das ganz klar zu sagen, zumindest nicht im politischen Raum in Deutschland.«
Aus diesen Gründen könnte sich die »Zeit« auch bei Bundesbank-Vorstand Balz zum Krieg gegen das Bargeld erkundigt haben. Doch ihm scheint die Sache unangenehm zu sein:
»Der Gefahr eines Überwachungsstaates widerspricht Balz, auch vor dem Narrativ eines Feldzugs gegen das Bargeld warnt er. ›Da wird vieles durcheinander geworfen und vermengt‹, sagt er.«
Ein Gespräch zwischen Menschen ist kein Skandal
Die Bundesregierung hat eine Macke: Sie mag es nicht, wenn man einen Appell für den Erhalt des Bargelds aussendet. Und sie mag das deshalb nicht, weil das den Eindruck erwecken würde, das Bargeld würde abgeschafft. Und dieser Eindruck, findet die Bundesregierung, nutzt rechten Parteien. Das erlebte ich am 29. Januar 2026 in einer Videokonferenz, als die Verbraucherzentralen die Verbändeaktion »Bargeld muss bleiben« vorstellten und sich eine Vertreterin des Justizministeriums zu Wort meldete.
Der Punkt ist aber nicht, dass die Politik das Bargeld abschafft. Hansjörg Stützle sieht das so: »Die Politik steht jetzt vor der Wahl, das einzige staatliche Zahlungsmittel zu schützen oder die Bargeldabschaffung, vorangetrieben durch die Wirtschaft, gewähren zu lassen.«
Wenn die Politik das einzige staatliche Zahlungsmittel, das Bargeld, vernachlässigt, dann muss etwas geschehen. Und dann ist es notwendig, so lange zu insistieren, bis der Regierung auf die Füße geholfen ist. Oppositionelle Parteien oder fragwürdige Bewegungen profitieren nicht davon, dass man ein reales Problem zur Sprache bringt, sondern davon, dass die regierenden Parteien es zur Seite schieben, anstatt es zu lösen, obwohl sie die Möglichkeit hätten, Akzeptanz und Verfügbarkeit von Bargeld sicherzustellen. Den Entscheidungsträgern sei hierzu ein aktuelles Referat des Finanzsoziologen Prof. Helge Peukert empfohlen.
Die »Zeit« scheint eine ähnliche Macke zu haben. Sie macht ein Problem daraus, wenn man deutlich vor einer Welt warnt, in der Bargeld als Zahlungsmittel passé ist. Erst recht dann, wenn man über dieses Szenario mit Journalisten spricht, die der Opposition näherstehen als der Regierung. Aber dürfen denn nicht alle Menschen etwas Gescheites hören? Das müsste die »Zeit« doch begrüßen!
Hansjörg Stützle schreibt: »Grundsätzlich muss der Meinungsbildung in der Gesellschaft ein Weg gegeben werden. Meinungsfreiheit setzt voraus, dass jeder die Möglichkeit hat, gute Informationen zu erhalten. Wenn die großen Medien schweigen, können nur die kleinen die Lücke füllen. Man muss die Menschen dort abholen, wo man sie erreichen kann.«
Das Vorgehen erläuterte Stützle der »Zeit« am 25. September 2025: Wir hatten unsere Presseerklärungen stets an die großen, etablierten und wenig umstrittenen Medien gerichtet. Wir taten das, um unser Anliegen vor dem Schein einer Nähe zu bestimmten politischen Bewegungen zu schützen. Anfragen erhielten wir von diesen Medien jedoch praktisch nicht. Die Debatte um die geplante EU-Verordnung wurde ignoriert. Stattdessen zeigten sich die kleinen freien Medien für das Thema aufgeschlossen und baten um ein Interview. Und viele von ihnen haben ihre Arbeit gut gemacht.
Stützle machte die »Zeit« auf seinen Wertekodex aufmerksam und er thematisierte das Schweigen der Medien beim Gespräch in Friedrichshafen. Der Redakteur ließ sich auch eine Aussage zum Kummer mit der Presse autorisieren. In der Reportage findet sie sich jedoch nicht wieder. Der Leser erfährt die Beweggründe somit nicht. Stattdessen inszeniert die »Zeit« Stützle als Schuldigen. Die Reportage endet mit den Worten: »›Ich bin nur ein einfacher Bürger, der das Bargeld retten will‹, sagt Stützle. Und er hebt die Hände, als wolle er seine Unschuld unterstreichen.«
Mein Kollege Hansjörg Stützle trägt seine Werte zu allen Menschen, denen er ein Interview gibt. Die »Zeit« sollte einmal darüber nachdenken, ob sie die Situation nicht besser unter diesem Gesichtspunkt betrachten möchte: Wie kann es in der Gesellschaft wieder in eine konstruktive Richtung gehen, wenn man den Kontakt abbricht mit Menschen oder Journalisten, anstatt den Austausch zu suchen mit guten Argumenten, guten Gefühlen und konstruktiven Ansätzen?
Ist Bargeld links oder rechts?
Die einen sagen, dass konservative Gedanken ihren Platz rechts haben und progressive links – also das Bewahrende rechts, das Erneuernde links. Noch verbreiteter ist vielleicht die Auffassung, dass links gleichbedeutend ist mit der gerechten Verteilung aller Güter, während rechts das Recht des Stärkeren regiert.
Wenn man sich an dieser Definition orientieren will, dann ist Bargeld links. Denn wie die Soziologin Prof. Barbara Brandl in der Reportage korrekt bemerkt, nutzen nicht reiche, sondern insbesondere Menschen mit geringem Einkommen Banknoten und Münzen. Bargeld ist also das Zahlungsmittel der Armen und Bargeld hilft, disziplinierter mit dem knappen Geld umzugehen. Das zeigt auch eine Reihe von Studien, die ich in meinem Buch besprochen habe.
Aus diesen und anderen Gründen setzen sich ebenso die Verbraucherzentralen für den gesetzlichen Schutz des Bargelds ein. Zwei Mal haben wir die »Zeit« auf dieses Engagement aufmerksam gemacht. In der Reportage wurden die Verbraucherzentralen aber nicht genannt, und das obwohl eine neuerliche Botschaft der Konsumentenschützer an die Politik in den Tagen vor Erscheinen des Textes in der »Zeit« durch alle Medien ging.
300.000 Unterschriften für den Schutz des Bargelds im Euroraum
Erwähnung fand jedoch Hansjörg Stützles Petition an EU-Parlament und EU-Ministerrat. Die »Zeit« schreibt:
»Und er initiierte eine Petition auf seiner eigenen Internetseite, die nach seinen Angaben mittlerweile fast 300.000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner hat. Überprüfen lässt sich das nicht.«
Die Aussage erweckt den Anschein, die Zahl könnte fingiert sein. Korrekt ist: Wie bei Onlinepetitionen üblich, müssen Unterzeichner ihre Unterschrift durch Anklicken eines Hyperlinks bestätigen, der den Unterzeichnern per E-Mail zugestellt wird. Mit diesem effektiven und bewährten Ansatz wird dafür Sorge getragen, dass die Petition auf den Unterschriften von Menschen fußt anstatt auf dem Werk von Spamrobotern. Die genutzten Systeme stellen zudem sicher, dass Unterschriften unter Angabe der gleichen E-Mail-Adresse automatisch aussortiert werden.
Hansjörg Stützle ist und war jederzeit bereit, Journalisten die eingesetzte Software vorzuführen. Der Satz »Überprüfen lässt sich das nicht« suggeriert etwas Gegenteiliges und weckt Zweifel an der Seriosität der Petition. Hätte die »Zeit« vorher mitgeteilt, dass ihr die Erläuterungen zum technischen Verfahren nicht ausreichen, hätte Stützle etwas unternommen.
Und so bleibt zu hoffen, dass die Petition in der Politik dennoch ernst genommen wird. Im EU-Parlament verhandeln die Mitglieder des Währungsausschusses bis Ende April über die Bargeld-Verordnung. Im Mai kommt der Gesetzesentwurf zur Abstimmung. Die Presse kann noch immer einen Beitrag zum Erkenntnisfortschritt leisten und somit zu einer guten Zukunft beitragen. Wir sind jederzeit bereit, Journalisten mit Fachinformationen auszuhelfen.
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